Die Entdeckung der Geschichte

Vom Blick zurück

Die Geschichte der Entdeckung

Vom Blick nach vorn

Hans Holbein der Jüngere, Die Gesandten (Ausschnitt)

1533, Öl auf Holz
206 x 209 xm

Im Mittelpunkt des bekanntesten Gemälde des deutschen Malers steht ein Sammelsurium an Gegenständen aus Kunst und Wissenschaft.
Zu den musikalischen Objekten zählt ein Gesangbuch mit evangelischen Liedern sowie eine Laute – sie beschwören auch die Musikgeschichte der Renaissance und des frühen Barock herauf, mit der sich Friedrich Cerha akribisch beschäftigte.

 

Bildquelle: Wikimedia

Konzerteinladung des Ensembles „Camerata Frescobaldiana“, 1961

Zugang

„Ein […] Teil des Publikums begrüßt die „Rückkehr“ der Komponisten zur Tradition, als ob es sich um den verlorenen Sohn handelte, der nach erlittenem Schiffbruch in den Schoß der Familie zurückkehrt und seinen Irrtum bereut. Ich hoffe, etwas davon klar gemacht zu haben, dass Musikgeschichte auch in unserem Jahrhundert sich wie eh und je vollzieht und andere Stadien der Entwicklung, die erreicht werden, die vorhergegangenen nicht widerlegen, sondern als Nährboden brauchen. […]
Meine Anliegen: Den Grenzen misstrauen, die jedweder ungeprüfte Zeitgeschmack mir auferlegen möchte, Einbahnen überwinden, flexibel bleiben im Erfahren und mich aufmerksam im Feld denkbarer Vorstellungen – älterer und neuerer – bewegen, soweit sie mir in einer schöpferischen Auseinandersetzung zugänglich sind.“

Friedrich Cerha

Gespräch mit Karlheinz Roschitz, 1977

Von der „Kugelgestalt der Zeit“ sprach einmal der Komponist Bernd Alois Zimmermann und meinte damit, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft „in unserer geistigen Wirklichkeit“Siehe Bernd Alois Zimmermann, „Vom Handwerk des Komponisten“, in: Ders., Intervall und Zeit, hgg. v. Wilhelm Christof Wolfgang Werner Bitter, Mainz 1974, S. 31-27, hier S. 35 nicht voneinander getrennt sind, sondern gleichzeitig bestehen. Musik tritt in diesem gedanklichen Rahmen als Vermittlerin zwischen den Zeiten auf. Diese Auffassung ist heute umso mehr gültig, weil alle jemals geschriebene und aufgenommene Musik so leicht und schnell verfügbar ist wie niemals zuvor.
Für Cerha besaß die musikalische Vergangenheit immer schon eine hervorgehobene Bedeutung. Schon als Zwölfjähriger war er in den 1930er Jahren „zwei oder dreimal die Woche“Schriften: ein Netzwerk, Wien 2001, S. 27 auf dem Stehparterre der Wiener Staatsoper anzutreffen, wo er die Musik Wagners oder Strauss‘ kennenlernte. Als Geiger interpretierte er die Werke Bachs oder Mendelssohns, als Dirigent zeigte er im Konzertzyklus „Wege in unsere Zeit“ immer wieder auf, wie die Phänomene der Gegenwart historisch verankert sind. Mit besonderer Hingabe aber widmete sich Cerha der Frühzeit des Barock: Sein eigens gegründetes Ensemble „Camerata Frescobaldiana“ führte regelmäßig Musik aus dieser Zeit auf, die Cerha auch edierte.
Sein musikgeschichtliches Bewusstsein spiegelt sich auch im Werk reichlich wider. Spuren führen von der Belebung alter Formen, wie in Toccata, Ricercar und Passacaglia, über die Anknüpfung an die Frühzeit der abendländischen Musikgeschichte in Hymnus bis zur fast postmodernen Re-Komposition in der Paraphrase über den Anfang der 9. Sinfonie von Beethoven.

Werke zum Themenfeld

Kathedrale aus Klangmasse

 

Hymnus, 2000

Neue Musik auf alten Instrumenten

 

Toccata, Ricercar und Passacaglia, 1951/52

Eine Ouvertüre?

 

Paraphrase über den Anfang der 9. Sinfonie
von Beethoven, 2010